"Bounce" - Track by Track
Vor einem Jahr konnten Bon Jovi berechtigterweise voller Stolz den unglaublichen Multiplatin-Erfolg ihres Smash-Albums "Crush" feiern. Ein Erfolg, der sich dann im Rahmen ihrer dazugehörigen Welt-Tournee auch auf zwei sensationellen Konzerten "zu Hause" in New Jerseys "Giants Stadium" widerspiegelte.
Jetzt, ein Jahr später, können Bon Jovi erneut stolz sein, denn es erscheint das insgesamt achte Studio-Album "Bounce" - ein wahres Kunstwerk. Jeder Song erzählt einen Teil der Geschichte, zeichnet einen Teil des Portraits. "Bounce" ist wie eine Art Protokoll, in dem die Band festgehalten hat, was in diesem letzten Jahr passiert ist; ein Tagebuch, das darüber berichtet, wo Bon Jovi gewesen sind, was sie erlebt und was und wie sie sich gefühlt haben. Und so sind die Texte mal von Härte gekennzeichnet, dann wieder voll von Zärtlichkeit; hier dominieren Stärke und Strenge, im nächsten Moment zeigen sie Anmut und die Fähigkeit zu verzeihen. "Bounce" beschreibt, wo Bon Jovi sich momentan befinden, wo sie stehen und was sie erlebt haben...
Durch den großartigen Erfolg von "Crush" bekräftigt und bestens motiviert, hatten Jon und Richie das Songwriting für das nächste Album begonnen, arbeiteten an den neuen Songs in ihrer Heimat New Jersey - als dann plötzlich, am 11. September, die Erde still zu stehen schien. Die Songs, die Jon und Richie in den Tagen nach der Tragödie geschrieben haben, waren inhaltlich dementsprechend schweren Herzens, für die Künstler aber auch gleichzeitig erlösend und ein Mittel, die Geschehnisse zu verarbeiten. In der Folgezeit dann, als Wochen und Monate vergingen, veränderte sich bei Jon und Richie (und bei so vielen anderen Menschen) die tief empfundene Traurigkeit in die unerschütterliche Entschlossenheit, jetzt erst recht das Leben intensiv und in vollen Zügen zu leben. Genau dieses Gefühl war es dann auch, das den Prozess des Songwritings weiter vorantrieb.
"Bounce" legt los mit dem Song "Undivided". Dieser Tune ist der, der sicher am meisten und direktesten von den Ereignissen des 11. Septembers beeinflusst ist, aber, statt nur auf den Momenten des Horrors zu beharren, beschreibt "Undivided" viel mehr den Silberstreif am Horizont - hinter der dunklen Wolke des 11.9.2001. Der Song beschwört die Einheit aller - nicht nur einer Stadt oder eines Landes - sondern der ganzen Welt. Niemand ist eine Insel, jeder ist ein Teil der gesamten Menschheit. Gemeinsam ist man stark.
"Everyday" ist der Titel der ersten Single-Auskopplung und unterstreicht den Tenor, jeden Tag so gut wie eben möglich zu leben und genießen. Zweifellos realisiert der Text die Härte des täglichen Lebens, ermutigt die Zuhörer aber ebenfalls dazu, die Last abzuschütteln, sich wieder auf die Füße zu stellen und weiter zu machen. Das Video zu "Everyday" bestärkt die Aussage des Songs (ebenso wie Bon Jovis Status als internationaler Super-Act) - indem die Band den Song auf dem "Very Large Array" (VLA) in Socorro, New Mexico, performt. Die gigantischen Schüsseln der Radio-Antennen im Hintergrund scheinen den Auftritt der Band in die entlegensten Winkel der Erde zu übertragen und der Zuschauer wird Zeuge, wie Menschen überall auf dem Globus die Übertragung miterleben (Die Bandszenen wurden im Juli gefilmt, während zwei weitere Film-Crews die Welt bereisten, um authentische Aufnahmen von Menschen zu filmen, wie sie Bon Jovi live hören).
"Hook Me Up", ein großer Rock-Song, hat eine tiefergehende Botschaft - wenn man den Text im richtigen Kontext versucht zu verstehen... Inspiriert ist der Track durch einen Artikel in einer Zeitung, der über einen jungen palästinensischen Mann berichtet, der in einem besetzten Landstrich wohnt und verzweifelt versucht, mit anderen Menschen mit Hilfe eines uralten, kaputten Amateurfunkgerätes Kontakt aufzunehmen. Er ist gefangen in einer Ecke der Welt, inmitten fürchterlicher Ereignisse und alles, was er will, ist Kommunikation, eine Verbindung mit der Welt um ihn herum und mit anderen Menschen. Diese Situation im Hinterkopf, wurde der Song aus der Perspektive eben dieses jungen Mannes geschrieben - wie gefangen in einem Bunker, verzweifelt auf der Suche nach dem Kontakt mit anderen.
"All About Lovin’ You" ist ein klassischer Bon Jovi-Love-Song. Einfach und liebreizend in seiner Aussage. Im Kielwasser der Ereignisse des 11. Septembers haben viele Menschen sich erst wieder bewusst gemacht, was im Leben wirklich wichtig ist. Und die Liebe eines anderen zu schätzen, stand schon von jeher ganz oben auf dieser Liste - aber viele Menschen wurden jetzt erst wieder daran erinnert. Dieser Song ordnet die Dinge wieder so, wie sie gehören.
"Bounce", der Titeltrack des Albums, ist eine Proklamation der Stärke und des Widerstandes. In erster Linie auf New York und die Vereinigten Staaten bezogen, steht der Song aber auch für die Beharrlichkeit und Ausdauer, was Bon Jovis nun mehr als zwanzig Jahre anhaltende Karriere angeht. Wie dem auch sei, der Song, wie auch der Album-Titel, ist offen für Interpretationen durch den Hörer. Was immer jeder für sich glauben möchte - nur zu! Man sollte es einfach nicht zulassen, dass einen andere Leute von dem gewählten Weg abbringen. Entschlossenheit. Köpfchen. Geist. Das wird siegen...
"Misunderstood" ist ein Song für jeden Typen, der etwas falsches gesagt hat (oder es nicht geschafft hat, was richtiges zu sagen...) und dieser Tatsache nun ins Auge schauen muss. Geschrieben, als er nach einem längeren Aufenthalt an einem Drehort wieder nach Hause gekommen war, musste Jon zugeben, dass es Dinge in seinem eigenen Leben gibt, die er vernachlässigt hat - und so schrieb er diesen Track als eine Art "Asche-auf-mein-Haupt"-Song. Sicher, die Absichten waren immer gut, aber die Umsetzung ließ dann doch manchmal zu wünschen übrig. Dieses ist ein Song für jedermann - für jeden, der auch schonmal in Ungnade gefallen ist...
Jon hatte bemerkt, dass es in der aktuellen Popmusik-Szene einen Mangel an wirklichem "Story-Telling" gibt. Der Singer/Songwriter "an sich" war zwar populär wie immer, aber so epische Geschichten im Stil eines Billy Joel oder Elton John, erzählt in einem Song, fehlten. Also hat sich Jon zum Ziel gesetzt, auch Songs in dieser Tradition zu schreiben. "Joey" nimmt den Hörer so mit auf eine Reise durch das Leben einer Person - mit einem Wink in Richtung Elton Johns "Levon", eröffnet "Joey" Jon die Möglichkeit, in die Schuhe des anderen zu steigen und eine Geschichte aus der Perspektive dieser Person zu erzählen. Eine Art Fenster in die Welt eines anderen. "The Right Side Of Wrong" ist eine moderne Ausgabe der "Butch Cassidy & The Sundance Kid"-Story - gute Seelen die verkehrte Dinge tun, aber eigentlich das Herz an der richtigen Stelle haben. Der Song hat beinah filmisches Feeling - die Musik und die Gitarren-Soli schaffen es, die Geschichte voran zu treiben, das Ende bleibt offen. Auch hier ist die Tradition der guten "Geschichtenerzähler", die die Band beeinflusst hat, unüberhörbar.
Ohnehin hatte die Welt und die Magie der Filme einen enormen Einfluss auf die Art und Weise des Songwritings auf dem Album. Wie bereits der Song "You Had Me From Hello" belegt. Diese Phrase, die Cameron Crowe in dem Film "Jerry McGuire" geprägt hat, drückt eine wunderschöne Stimmung aus. Als Titel zum Leben erwacht, ist dieser Song eine Ode an eine Beziehung. Der Tune ehrt sozusagen die Fähigkeit derjenigen, die es schaffen, immer wieder neue, schöne Elemente in der Person zu entdecken, die man liebt. "The Distance" wiederum ist im cineastischen Stil geschrieben. Hier dient die Musik wie ein Soundtrack für den Text, der zunächst einen Schnappschuss des Geschehens liefert, bis die "Kamera" dann tiefer in die Story eintaucht, je mehr der Song sich entwickelt. Die Botschaft versucht die Leidenschaft heraus zu stellen, die jemand empfindet, der ein Ziel vor Augen hat und entschlossen ist, dieses Ziel auch wirklich zu erreichen.
Schließlich gibt es in diesem Zusammenhang noch den Song "Open All Night", der seine Entstehung ebenfalls der Filmwelt zu verdanken hat. Jon Bon Jovi selbst spielte in der Serie "Ally McBeal" neun Folgen lang den Charakter des Victor Morrison, einen Klempner/Babysitter/Hans-Dampf-in-allen-Gassen im Haus der Titelheldin. Im weiteren Verlauf der Story dauerte die Entwicklung der zwangsläufigen Romanze recht lang... Jon gibt zu, dass er im realen Leben nicht so viel Geduld aufgebracht hätte - dort wäre es einfach und schnell passiert; oder aber er hätte es abgehakt und wäre weitergezogen. Der Song "Open All Night" zeigt im Wesentlichen Victors Dialog mit Ally - hätte Jon die Folgen geschrieben...
Bon Jovi hatten als Band die letzten Jahre sehr hart gearbeitet - teilweise bis an den Rand der Erschöpfung. Ein Gefühl, das wohl jeder kennt und nachvollziehen kann. Wer des Lebens überdrüssig ist, braucht genau dann jemanden oder etwas, was einem den Lebenssinn wiedergibt, den Willen weiter zu machen wieder einhaucht und es möglich macht, die Welt, wie sie ist, wieder schätzen zu lernen. "Love Me Back To Life" ist ein Aufruf hierfür.
Die Songs auf "Bounce" stehen jeder für sich, sind einzigartig, doch wenn sie im Kontext des Albums in der Gesamtheit gehört werden, kreieren sie ein größeres Erlebnis. Fast wie ein Gemälde von Seurat. Steht man - im übertragenen Sinne - dicht davor, zeigt sich das Werk als eine Kombination verschachtelter Einzelelemente, Schichten und Strukturen. Doch tritt man einen Schritt zurück und betrachtet den Gesamteindruck, erkennt man, dass es eine homogene künstlerische Arbeit ist, die für sich selbst steht, und die bei jeder weiteren Betrachtung neu entdeckt werden will und zum Nachdenken anregt.
Im Falle von "Bounce" hat man diesen Effekt bei jedem neuen Hördurchlauf...
(c) UNIVERSAL MUSIC / MERCURY
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