Claudia Boers
Leas
Geschichte
Ich
weiß nicht mehr viel von dem Ort, wo ich geboren bin. Es war eng und
dunkel und nie spielte ein Mensch mit uns. Ich erinnere mich noch an Mama
und ihr weiches Fell, aber sie war oft krank und sehr dünn. Sie hatte nur
wenig Milch für mich und meine Brüder und Schwestern. Die meisten von
ihnen waren plötzlich gestorben.
Als
sie mich von meiner Mutter wegnahmen, hatte ich furchtbare Angst und war
so traurig. Meine Milchzähne waren kaum durchgestoßen und ich hätte
meine Mama doch noch so sehr gebraucht. Arme Mama, es ging ihr so
schlecht. Die Menschen sagten, dass sie jetzt endlich Geld wollten und
dass das Geschrei meiner Schwester und mir ihnen auf die Nerven gingen. So
wurden wir eines Tages in eine Kiste verladen und fortgebracht. Wir
kuschelten uns aneinander und fühlten wie wir beide zitterten, ohnmächtig
vor Angst. Niemand kam, um uns zu trösten.
All
diese seltsamen Geräusche und erst noch die Gerüche - wir sind in einem
"Petshop", einem Laden, wo es viele verschiedene Tiere gibt.
Einige miauen, andere piepsen, einige pfeifen. Wir hören auch das Wimmern
von anderen Welpen. Meine Schwester und ich drücken uns eng zusammen in
dem kleinen Käfig. Manchmal kommen Menschen uns anschauen, oft ganz
kleine Menschen, die sehr fröhlich aussehen, als wollten sie mit uns
spielen. Tag um Tag verbringen wir in unserem kleinen Käfig.
Manchmal packt uns jemand und hebt uns hoch um uns zu begutachten. Einige
sind freundlich und streicheln uns, andere sind grob und tun uns weh. Oft
hören wir sagen "oh, sind die süß, ich will eines", aber dann
gehen die Leute wieder fort. Letzte Nacht ist meine Schwester gestorben.
Ich habe meinen Kopf an ihr weiches Fell gelegt und gespürt, wie das
Leben aus dem dünnen Körperchen gewichen ist. Als sie sie am Morgen aus
dem Käfig nehmen sagen sie, sie sei krank gewesen und ich sollte
verbilligt abgegeben werden, damit ich bald wegkomme. Niemand beachtet
mein leises Weinen, als mein kleines Schwesterchen weggeworfen wird.
Heute
ist eine Familie gekommen und hat mich gekauft! Jetzt wird alles
gut! Es sind sehr nette Leute, die sich tatsächlich für MICH entschieden
haben. Sie haben gutes Futter und einen schönen Napf dabei und das kleine
Mädchen trägt mich ganz zärtlich auf den Armen. Ihr Vater und Mutter
sagen, ich sei ein ganz süßes und braves Hundchen. Ich heiße jetzt Lea.
Ich darf meine neue Familie sogar abschlabbern, das ist wunderbar.
Sie lehren mich freundlich, was ich tun darf und was nicht, passen gut auf
mich auf, geben mir herrliches Essen und viel, viel Liebe. Nichts will ich
mehr, als diesen wunderbaren Menschen gefallen und nichts ist schöner als
mit dem kleinen Mädchen herumzutollen und zu spielen.
Erster
Besuch beim Tierarzt. Es war ein seltsamer Ort, mir schauderte. Ich bekam
einige Spritzen. Meine beste Freundin, das kleine Mädchen, hielt mich
sanft und sagte, es wäre o. k., dann entspannte ich mich. Der Tierarzt
schien meinen geliebten Menschen traurige Worte zu sagen, sie sahen ganz
bestürzt aus. Ich hörte etwas von schweren Mängeln und von Dysplasie E
und von Herz zwei. Er sprach von wilden Züchtern und dass meine Eltern
nie gesundheitlich getestet worden seien. Ich habe nichts von alledem
begriffen aber es war furchtbar, meine Familie so traurig zu sehen. Jetzt
bin ich sechs Monate alt. Meine gleichaltrigen Artgenossen sind wild und
stark, aber mir tut jede Bewegung schrecklich weh. Die Schmerzen gehen nie
weg. Außerdem kriege ich gleich Atemnot, wenn ich nur ein wenig mit dem
kleinen Mädchen spielen will. Ich möchte so gerne ein kräftiger
Hund sein, aber ich schaffe es einfach nicht. Vater und Mutter sprechen über
mich. Es bricht mir das Herz, alle so traurig zu sehen. In der
Zwischenzeit war ich oft beim Tierarzt und immer hieß es
"genetisch" und "nichts zu machen". Ich möchte
draußen in der warmen Sonne mit meiner Familie spielen, möchte rennen
und hüpfen. Es geht nicht. Letzte Nacht war es schlimmer als eh und je.
Ich konnte nicht einmal mehr aufstehen um zu trinken und nur noch
schreien vor Schmerzen. Sie tragen mich ins Auto. Alle weinen. Sie sind so
seltsam, was ist los ? War ich böse? Sind sie am Ende böse auf mich ?
Nein, nein, sie liebkosen mich ja so zärtlich. Ach wenn nur diese
Schmerzen aufhörten ! Ich kann nicht mal die Tränen vom Gesicht des
kleinen Mädchen ablecken aber wenigstens erreiche ich seine Hand.
Der Tisch beim Tierarzt ist kalt. Ich habe Angst. Die Menschen weinen in
mein Fell, ich fühle, wie sehr sie mich lieben. Mit Mühe schaffe ich es,
ihre Hand zu lecken. Der Tierarzt nimmt sich heute viel Zeit und ist sehr
freundlich, und ich empfinde etwas weniger Schmerzen. Das kleine Mädchen
hält mich ganz sanft, ein kleiner Stich...
Gott
sei Dank, der Schmerz geht zurück. Ich fühle tiefen Frieden und
Dankbarkeit. Ein Traum: ich sehe meine Mama, meine Brüder und Schwestern
auf einer großen grünen Wiese. Sie rufen mir zu, dass es dort keine
Schmerzen gibt, nur Friede und Glück. So sage ich meiner Menschenfamilie
Auf Wiedersehen auf die einzige mir mögliche Weise: mit einem sanften
Wedeln und einem kleinen Schnuffeln. Viele glückliche Jahre wollte ich
mit Euch verbringen, es hat nicht sein sollen. Statt dessen habe ich Euch
so viel Kummer gemacht. Es tut mir leid, ich war halt nur eine Händlerware.